VOM KATHETER ZUR KUNST

Warum Thomas Klefisch keine Fenster braucht, warum er Hummeln sammelt und warum ihn Katheter zur Kunst brachten.

Unzufriedenheit mit dem Gegebenen ist ein wichtiger Motor für Entwicklung, findet Thomas Klefisch – Grafiker, Künstler und Dozent an der Hochschule Niederrhein/designkrefeld. Wir interviewten ihn in seinem Atelier in Düsseldorf Flingern über Rollenzwänge, Geldverdienen und Befreiungsschläge.

Ein Interview von Lohmann, Schunk und Kleinstück

Studierende: Es sieht ja hier schon ein wenig so aus als würdest du im Atelier leben, also die meiste Zeit deines Lebens hier verbringen?

Klefisch: Von halb neun bis 19 Uhr bin ich hier, manchmal gehe ich um sechs, manchmal auch um acht. Meistens gehe ich morgens um acht ins Café Hüftgold, trinke einen Kaffee, esse einen Toast und lese die Süddeutsche Zeitung, und dann bin ich um halb neun hier.

Studierende: Ist die Türe deines Ateliers immer offen, auch wenn du nackt an der Decke hängst? Klefisch: Nein, natürlich nicht. Außerdem ist es sehr selten, dass ich nackt an der Decke hänge. Die Tür ist sonst immer offen, wenn ich hier arbeite. Da guckt immer jemand rein. Die Leute hier auf der Straße kennen mich. Manchmal mach ich die Tür auch zu, wenn ich keine Lust habe. Bei schönem Wetter ist sie auf. Ich bin jemand, der nicht viel Licht braucht. Deswegen finde ich dieses Atelier auch so super. Die Bilder, die ich male, leuchten aus sich selbst. Wenn es noch heller wäre, denke ich, würde das nicht so gut funktionieren. Die alten Meister – ich will mich nicht mit ihnen messen – aber die haben bei Kerzenlicht gemalt. Fenster waren Luxus, Scheiben waren selten.

Studierende: Woher kriegt man so viele Hummeln? Klefisch: Für die REWE hab ich einen Messestand konzipiert, ein biologisches Gewächshaus, und dafür brauchte ich Hummeln. Auf der Grünen Woche in Berlin wurde das dann auch ausgestellt. Meine Idee war es, lebende Hummeln zu nutzen. Ein Hummel-Volk kostet 30 Euro. Nach einem Jahr sterben die. Die leben in der Box, abends kommen sie wieder. Die Königin, die in der Box sitzt, wird gefüttert. Manche Hummeln hauen ab oder buddeln sich Erdlöcher. Ich habe die dann gesammelt und benutzt. Die skurrilsten Dinge hab ich so gefunden. Das Sammeln gehört zur Kunst. Wenn ich etwas Kurioses sehe, sammel ich das ein und hole es dann und wann wieder heraus. Ich finde es irre, was Menschen für skurrile Fetische haben. Oberflächen interessieren mich total.

Studierende: Welche Klangsprache spricht deine Kunst? Klefisch: Laut, denke ich, und sehr unterschiedlich – müsst ihr entscheiden. Mein Malprozess ist sehr langsam. Ich lasse mich gern und oft ablenken und finde das auch gut so. Mal male eine Mausefalle oder mache eine Collage oder auch eine Zeichnung.

Studierende: Sind die drastischen Motive eine Abrechnung mit der Agentur-Arbeit? Klefisch: Nein, ich male so was gerne. An Abrechnung habe ich kein Interesse. Werbung finde ich nicht böse. Ich finde es interessant, wie auch Bilder uns leiten. Ich habe für mich gemerkt, dass das hier das Wahre ist für mich. Ich brauche eher was Praktisches.

Studierende: In deinen Bildern ist ja auch immer wieder Text zu finden, das kommt doch sicherlich von der Illustration? Klefisch: Ja, klar. Ich mag auch Typografie. Ich finde es total beruhigend, Buchstaben zu malen und das klare A der Clarendon ist wie Zen.

Studierende: Was war der Befreiungsschlag vom Grafik Design zur Kunst. Gab es den überhaupt oder kam der Übergang schleichend? Klefisch: Es ist schleichend gekommen, denn der Befreiungsschlag ist immer Unzufriedenheit. Ich wollte Medizin studieren – da dachte ich mir, okay, du suchst dir das Härteste aus, was es gibt. Urologische OP. Dann habe ich zwei Jahre im urologischen OP gearbeitet. Ich habe da Zangen gehalten, Katheter gelegt, Blut weg geputzt … also alles. Zuerst habe ich für mich beschlossen, das ist super, du kannst das, auch das Handwerkliche. Aber dann dachte ich mir, du verrohst total – mir machte das ja alles nichts mehr aus. Deshalb habe ich mir gesagt, irgendwie ist das nicht dein Ding. Mein Vater war ja Grafiker, und ich dachte, okay, Naturwissenschaften finde ich schon ganz gut – so analytisch – deshalb habe ich angefangen, Biologie zu studieren. Aber im 7. Semester, kurz nach dem Vordiplom, dachte ich mir, was machst du hier eigentlich – das ist ja totaler Dreck. Erst dann habe ich angefangen, Grafik Design zu studieren. Und das war wieder ein Schritt weiter in meine Richtung. Ich merkte aber auch schnell, dass es wieder so eng wurde. Schon im Studium hatte ich plastisches Gestalten belegt, aber der Grafik-Prof sagte mir, das kann doch nicht wahr sein, das ist doch total verschwendete Zeit. Und selbst Illustration sei die totale Ausnahme im Markt. Aber ich habe dann mein ganzes Studium nur bei Manfred Vogel Illustration gemacht. Habe alle Projekte bei ihm belegt und schon während des Studiums ganz hart Akquise betrieben. Und zwei Wochen vor dem Diplom hatte ich meinen ersten Job, fürs Time Magazin in London. 700 Pfund gab es damals, das waren 2.100 Mark für eine Zeichnung. Das war total geil. Ich habe das immer von Zuhause aus gemacht und dann gemerkt: eigentlich ist es dir total zu eng. Als ich das erste Mal für die Brigitte illustriert habe, war ich zuerst happy. Aber nachher habe ich nur gedacht, die Pillemänner, diese Korrekturen, für so ne Frauenscheiße, die Artikel dermßen hohl. Ich habe danach ewig lang für die Wirtschaftswoche, das Handelsblatt und DM gearbeitet, das ging noch, finde ich, das habe ich ganz gern gemacht. – Dann kam wieder der nächste Schritt, dass es mir zu eng wurde. Ich bin also in eine Agentur gegangen, Brelohpartner, wo ich die ganzen Filme gemacht habe und war da Creative Director. Das war super. Ich konnte da meine Illustrationen weiter machen, hatte ein tolles Büro mit drei Zimmern und sogar einen Malraum. Aber dann ging es mir wieder auf den Sack, immer mehr Zeug sammelte sich an, und es wurde einfach wieder zu eng. Irgendwann habe ich diese Halle hier gesehen und sagte mir, so jetzt machst du das – das war vor drei Jahren – und jetzt machst du das so doll, wie es nur geht. Das war dann dieser Schritt. Jetzt bin ich gespannt, ob es mir in zehn Jahren wieder zu eng wird und ich noch was Größeres mache. Eigentlich gibt es so eine permanente Unzufriedenheit mit dem was ich habe. Aber das ist völlig normal. Letztes Jahr habe ich einen Film über die Bildhauerin Louise Bourgeois gesehen, gerade nachdem sie mit 99 Jahren gestorben war. Sie hatte ihre große Ausstellung erst mit 71 oder 72. Und sie hat gesagt »es ist schön, so spät entdeckt worden zu sein – so hatte ich genügend Zeit, in Ruhe arbeiten zu können«. Und als sie gefragt wurde, was denn an Kunst ützlich sei für die Gesellschaft, sagte sie »die Kunst ist erstmal nützlich für den Künstler«. Da bin ich hundertprozentig einverstanden. Das hier ist alles nur nützlich für mich, für niemanden sonst – vielleicht noch für meinen Sohn, weil der unheimlich viel mitkriegt. Das ist eben der Unterschied zum Design. Wenn man einen Löffel gestaltet, ist das natürlich im besten Fall auch nützlich für die anderen. Aber das hier mache ich nur für mich.

Studierende: Aber muss man sich dann nicht noch zusätzlich ein wenig prostituieren, um Geld zu verdienen, um von diesen freien Arbeiten leben zu können? Denn eigentlich möchte man doch nur malen? Oder werten die anderen Jobs das Malen nur noch mehr auf? Klefisch: Es war für mich lange Zeit ein Riesenproblem, dass ich so viele Rollen spielte. Ich wollte immer authentisch sein. Ich will ja nur ICH sein und muss immer die Wahrheit sagen. Aber das ist ja totaler Quatsch. Man muss sich das eher wie ein Orchester vorstellen – wir machen halt hier mal dies, und da machen wir das. Natürlich müssen wir im Großen und Ganzen authentisch sein. Aber zum Authentischsein gehören ja auch verschiedene Rollen. Es hat bei mir lange gedauert, das zu begreifen, aber jetzt hab ich kein Problem, morgens auch mal ein Badbuch oder sonst was zu machen – durch die Abwechslung macht mir das auch wieder mehr Spaß. Dann sitze ich morgens am Rechner und verdiene ein bisschen Geld, das ich dann abends verbrenne … Das ist eigentlich das Natürlichste, das zusammen zu kriegen …

Studierende: Welche Fragen stellst du dir immer wieder? Klefisch: Was will ich tun? Ist es das wirklich, was ich will? Der Zweifel ist immer da. Aber wenn ich das beantwortet habe, dann bin ich ja tot. Vielleicht wird es größer oder dann wieder kleiner. Eines Tages will ich vielleicht nur noch Kacheln anmalen. Vielleicht werde ich eines Tages alles aus dem Atelier werfen, mich verkleinern und werde so meinen Ballast los. Die Frage besteht darin, immer zu überprüfen, ist es das was ich will oder muss ich etwas ändern? Auch wenn das Überprüfen nicht immer ein Garant dafür ist, glücklich zu sein. Manchmal will man nicht darüber nachdenken – ein bequemes Leben könnte einem Sicherheit bieten. Aber ich finde es total geil, was ich mache. Man muss schon davon überzeugt sein. Es muss nicht alles schwer sein, man muss auch darüber lachen können. »Schlechte Architektur ist echt ein Problem, aber schlechte Bilder kann man hinter einen Schrank stellen«, wie Erwin Wurm sagt. Das interessiert hier letztendlich keinen.

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