Pietá

Von Katja Heckes

„Der Leichnam ist überaus edel gelegt und bildet mit Gestalt und Bewegung der völlig bekleideten Madonna das wunderbarste Ganze. Die Formen sind anatomisch noch nicht ganz durchgebildet, die Köpfe aber von reiner Schönheit, …“
Jacob Burckhardt (1818-1897) zur Pietà Michelangelos (1498-1499)

Ein rosig strahlender Körper mit erigiertem Penis in der Bildmitte liegt völlig entspannt in den metallen Greifern eines geschlechtslosen Roboters und strahlt aus sich selbst heraus. Um ihn herum verschiedenste, seltsame Attribute: Kakteen, eine Gottesanbeterin, Baumstümpfe, eine blühende und welkende Kletterrose. Außerdem ein schmales kippendes rosafarbenes Kreuz, das den Roboter aus seiner Statik hebt und ins Wanken bringt. Im oberen Bildteil ein schwarzer Kreis mit einer gekreuzigten, drangsalierten Nackten und hinein schabloniert das Wort pietà.
Wäre da nicht das hingebungsvolle Loslassen des trotz seiner Erregtheit in seiner Waagerechten Ruhe stiftenden nackten männlichen Körpers, würde sich kein bildhafter Abgleich zur einzigartigen Pietá Michelangelos einstellen. So jedoch schreiten wir in erwartbarer Zuordnung, die gespiegelte Komposition ab, stoßen auf Abwegiges, Provozierendes und mit unserem abendländischen Vorwissen Unvereinbares. Die Figurenkonstellation bietet hier vielmehr Gegensätzliches als ein Ganzes: Der Leib erscheint mehr lebendig, als fahl und tot; die Figuren nicht als Paar, wie in der berühmten Pietá, sondern als unzusammengehöriges, komisches Doppel. Was fangen wir damit an? Statt einer leidvollen, mitreißenden Maria, eine hölzerne Roboterfigur, die den Mund einem Nussknacker gleich erstaunt öffnet, die die nackte Figur mehr an uns übergibt, anstatt sie zu halten. Dazu die grellen Farben, die aufdringlich das Ganze noch penetrieren und die Frechheit der Darstellung noch unterstreichen. Keine humane reine Schönheit sondern dreiste, gefühlskalte Zurschaustellung. auf den Gipfel getrieben durch die prallbusige Nackte am Kreuz, die durch ihre schwarze Umrahmung eine formale Verbindung mit der Sonnenanbeterin eingeht. Spätestens jetzt sind wir zusammen mit den Bildern von stacheligen Pflanzen, der Kletterrose und den Kakteen in einer utopischen (Alb-)Traumwelt gelandet, die in ihrer ironischen Aufgeladenheit an Max Ernsts surreale Welten erinnern mag, die stets gespickt sind mit collagierten, erotischen Einfällen. Jedoch geht es hier bitterer, zynischer zu. Die Naivität der Roboterfigur und die auf den ersten Blick fröhliche Farbigkeit weicht schnell einem unguten Gefühl. Ist dies vielleicht das Bild dessen, was von der Pietá, ital. für „Erbarmen“ und „Mitleid“, heute noch übrig ist? Oder ist es die Pietá der Ungläubigen, der Zukunft einiger – oder doch aller? Vergessen wir bloß nicht den Humor, der in der Wucht der malerischen Direktheit im Ensemble aller übrigen Bildwerke zum Vorschein kommt. Und suchen wir weiter nach mittelbaren und unmittelbaren Spuren, die uns in diese fremde Bildwelten einführen.

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