Mausefallen mit Heiligenbildchen

Der Illustrator des DRUCK+PAPIER »Sprachwart« spielt mit vielerlei Begabungen und künstlerischen Formen

Er ist ausgebildeter Grafikdesigner, hat aber auch Biologie studiert und jahrelang als OP-Assistent und Tennistrainer gearbeitet. Er illustriert seit vielen Jahren den »Sprachwart« in DRUCK+PAPIER und malt riesige Gemälde, er bestückt Mausefallen mit Heiligenbildchen, beherrscht Kalligrafie und baut gerade ein Wurfmesserrad: Der vielseitig begabte Düsseldorfer Künstler Thomas Klefisch sprudelt über vor Ideen, die er lustvoll in vielen künstlerischen Formen ausdrücken kann.

In einer ehemaligen Autowerkstatt, deren demnächst knallrote Tür immer offen steht, arbeitet Thomas Klefisch seit zweieinhalb Jahren inmitten seiner Holzskulpturen, Flohmarktfundstücke, Grafiken, Zeichnungen und Gemälde mit einer selten unter seinesgleichen anzutreffenden Begeisterung und Freude über die eigenen Möglichkeiten. »Alles, was ich tue, tue ich supergerne«, sagt der freundlich und offen auftretende 45-Jährige – fernab von vergrübeltem Künstlertum. Klefisch ist rheinisch-katholisch geprägt (eine Großmutter wuchs im Kloster auf, bevor sie den Großvater erhörte), aber nur auf der »konventionellen, formalen Ebene«. Der Vater, ebenfalls selbstständiger Grafiker, hielt es mit der Arbeiterjugend und der Sozialdemokratie, gleichwohl hielt man an formalkirchlichen Ritualen fest.

Dem Sohn fehlte und fehlt bis heute das Spirituelle, das den Glauben, das Religiosität für den Menschen sinnlich erleb- und erfahrbar macht. Diesen Mangel thematisiert Thomas Klefisch seit gut zwei Jahren in üppig in Farben schwelgenden Gemälden (meist Acryl oder Öl auf Leinwand), in plakativen Bildergeschichten wie jenen Comics des Mittelalters, mit denen den Gläubigen in den Kirchen das Leben Jesu und der Heiligen erzählt wurde – es fehlte wie bei Klefisch die Zentralperspektive, eine Erfindung der Renaissance. Klefischs großformatige Bilder aus dem Gesamtkunstwerk »Babylon« sind witzig und verspielt, erotisch bis pornografisch, hintersinnig und hinterlistig, zitatreich und schrill. Sie sind nichtbösartig oder gotteslästerlich, was mancher Kirchgänger womöglich anders sieht. Selbstironisch blickt Thomas Klefisch uns im Selbstbildnis (»das male ich aus dem Kopf«) als Papst entgegen – »jeder Mensch ist Gott und Papst«. Zu »Babylon«, 2010 ausgestellt in der Galerie »artobes« und dort während der Künstlerführungen äußerst beliebt (»das hat mir unheimlich gutgetan«), gehört auch ein selbst gebauter Beichtstuhl, dessen Bemalung auf raffinierte und zugleich unmittelbar einleuchtende Weise mit der Ikonografie der katholischen Kirche spielt und voller versteckter und verfremdeter Anspielungen ist. Und da Thomas Klefisch einfach ein sehr guter Maler und Illustrator ist (»alles, was ich mache, ist Handwerk«), kann man sich auch ohne tiefere Kirchen- und Bibelkenntnisse an Farben, Kompositionen und Figuren erfreuen.

Der Beichtstuhl ist nun »aus dem Kopf weg«. In diesem bei Klefisch unentwegt kreativen Körperteil ist längst das nächste Projekt entstanden und schon in vielen Details im Entstehungsprozess: »Saloon outrageous« (etwa: »fürchterlicher Saloon«) nennt der Düsseldorfer sein Gesamtkunstwerk für die nächsten zwei, drei Jahre, dessen zentrale Installation ein Wurfmesserrad (»ein kindlicher Traum von mir«) wie auf der Kirmes sein wird, schon in einer akribischen Konstruktionszeichnung im Notizheft zu sehen. »Ob es dann genau so wird, weiß ich nicht«, grinst der Künstler, dessen bis heute gerne gelesenes Lieblingskinderbuch »Der Cowboy von A–Z« hieß.

Wie ein entdeckungsfreudiges, neugieriges, überwältigend fantasiebegabtes Kind sucht und findet der engagierte Vater eines 16-jährigen Sohnes um das »Saloon«-Thema herum Variationen für seinen künstlerischen Ausdruck: Es wird Holzskulpturen, »Freaks«, geben, Puppenbilder, Mausefallen mit Heiligenbildchen als »Lockmittel«. »Fallen faszinieren mich, sie sind so vielschichtig zu interpretieren«, freut sich Klefisch und zeigt eine Rattenfalle, in die ein Plastikpuppenärmchen den Nager locken soll.

Kunst macht nicht reich, wenn sie überhaupt den Mann ernährt. Thomas Klefisch ist pragmatisch: »Ich verbrenne nachmittags, was ich morgens verdiene.« Morgens verdient er seine Brötchen mit Illustrationen oder mit handschriftlichen, personifizierten Einladungen auf Bütten, die derzeit bei Eventveranstaltern »in« sind: 500 Stück in 24 Stunden schafft er. Hinzu kommt ein Lehrauftrag an der Hochschule Niederrhein in Krefeld, wo er selber studierte. Seit acht Jahren ist er zudem für die Werbemittel der »Jazz Rally« zuständig. Auftragsarbeit für eine Anwaltskanzlei waren die Druckgrafiken zum Thema »Paare und Gerechtigkeit«, schöne schwarzweiße Miniaturen (Klischee Handabzug auf 52 x 72 Bütten,Öl/Blattgold 14 Karat) mit »Judith und Holofernes« oder »Laurel und Hardy« in kleiner Aufage.

Im Atelier steht ein Klavier; manchmal lädt er Bekannte und Freunde zu Atelierfesten ein. Dann wird unter der Discokugel gesungen, gegessen – und der eine oder andere Besucher kauft eine Holzfigur, eine Mausefalle oder eine Grafik. Nur dann wird es spät im Atelier, denn Klefisch ist ein disziplinierter Arbeiter:»Um 8 Uhr frühstücke ich im Café und lese die ›Süddeutsche‹, um 19 Uhr ist Feierabend. Feierabend finde ich schön.«

ULLA LESSMANN

(für DRUCK+PAPIER, 2/2011)

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